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Counter-Speech mit Humor: Was wirkt — und was nicht

Wann wirkt Humor gegen Hass im Netz — und wann nicht? Ein Sprachwissenschaftler ordnet Memes, Satire und Ironie als Counter-Speech forschungsbasiert ein.

Sebastian ZollnerAktualisiert am 16 min Lesezeit

Kurzfassung: Humor gilt seit Benesch et al. (2016) als empfohlene Counter-Speech-Strategie — er deeskaliert, lenkt Aufmerksamkeit, entzieht hetzender Rede ihre symbolische Wucht. Aber: Humor wirkt nicht universell, sondern kontextabhängig — am besten belegt ist seine Wirkung auf das mitlesende Publikum, nicht auf die Hetzer:innen selbst (Mathew et al., 2019; Hangartner et al., 2021). Der jüngste Expert:innen-Konsens stuft Humor sogar als weniger wirksam ein als empathie-, argument- und normbasierte Gegenrede (Obermaier et al., 2026). Und seit Costello et al. (2024) wissen wir, dass personalisiertes Fact-Checking unter passenden Bedingungen erstaunlich stark wirken kann — getestet allerdings an Verschwörungsglauben, nicht an Hassrede. Dieser Beitrag ordnet die Forschung — und zeigt, wann ein Witz hilft und wann er die Hetze ungewollt veredelt.

Kurz vorab: Wer schreibt hier — und warum mit Augenzwinkern?

Ich bin Sprachwissenschaftler, promoviere an der Universität Greifswald zu Counter-Speech (Gegenrede) in Interaktion (Förderpreis der GAL 2022) und unterrichte Multiplikator:innen aus Schulen, Kommunen, Polizei und Zivilgesellschaft. 2024 habe ich bei Routledge einen Beitrag zu linguistischen Verfahren der Gegenrede veröffentlicht, 2022 einen Open-Access-Aufsatz zu Counter Speech in der Fachzeitschrift merz — die Details stehen auf meiner Forschungsseite. Ich erwähne das nicht, um zu beeindrucken, sondern weil das hier ein Forschungstext ist und Sie wissen sollen, woher die Belege kommen.

Und ja: Ein Text über Humor in der Gegenrede, der sich vollkommen ernst nimmt, würde sein eigenes Thema ad absurdum führen. Ich bemühe mich also um den Mittelweg zwischen wissenschaftlicher Sauberkeit und einem trocken-ironischen Ton — wer nur die Studien will, springt direkt zu den Forschungsabschnitten.

Was leistet Humor in der Counter-Speech?

Humor kann hetzender Rede ihre symbolische Wucht nehmen, Aufmerksamkeit auf die Gegenbotschaft lenken und harte Botschaften abmildern (Benesch et al., 2016). Seine am besten belegte Wirkung entfaltet er beim mitlesenden Publikum — nicht bei den Hetzer:innen selbst. Ob ein Witz trägt, hängt von Community, Plattform und der Autorität der Sprecher:in ab.

Definition — Counter-Speech (Gegenrede): Counter-Speech ist jede direkte Antwort auf hasserfüllte oder gefährliche Rede (Benesch et al., 2016, S. 2). Linguistisch gefasst ist sie prosoziale Anschlusskommunikation, die unmittelbar oder zeitversetzt auf invektive Praktiken reagiert — und im weiteren Sinne proaktiv Fürsprache für Betroffene leistet (Zollner, 2022, S. 5). → Ausführlich im Glossar: Counter-Speech

Mit dieser Antwort verbinden sich in der Praxis meist drei Ziele: die Wirkung der Hetze schwächen, eine Gegen-Norm sichtbar machen, das mitlesende Publikum erreichen. Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Forschung lautet: Counter-Speech wirkt — wenn sie wirkt — oft weniger auf die Hetzer:innen als auf das schweigende Mitlese-Publikum, die Cyberbystander, die beim nächsten Mal ein Like vergeben, einen eigenen Kommentar setzen oder doch schweigen. Benesch et al. (2016) halten diese Publikumswirkung sogar für die möglicherweise bedeutsamere der beiden Erfolgsdimensionen.

Humor ist in dieser Logik eine besondere Strategie. Benesch et al. (2016, S. 5) beschreiben drei Funktionen:

  1. Neutralisierung: Hetzende Rede, die als bedrohlich oder mächtig wahrgenommen wird, verliert ihre symbolische Wucht, sobald sie lächerlich wirkt. Klassisches Beispiel: das Gummienten-Meme im November 2015. Internet-Nutzer:innen ersetzten in ISIS-Propagandabildern die Köpfe der Kämpfer durch Gummienten-Köpfe. Aus einer Inszenierung von Macht wurde — visuell — eine Inszenierung von Komik.
  2. Aufmerksamkeitslenkung: Humorvolle Inhalte verbreiten sich viraler als sachliche. Ein Counter-Tweet mit Pointe schafft die Reichweite, die ein nüchterner Faktenkommentar nie erreicht.
  3. Tonabmilderung: Eine Botschaft, die als blanke Anklage hart oder belehrend wirken würde, lässt sich humorvoll verpackt leichter senden — und leichter empfangen.

So weit die Theorie. Die Praxis ist komplizierter, und genau hier wird es interessant.

Welche Humor-Typen gibt es — und wie wirken sie?

Die jüngere Forschung unterscheidet vor allem entwaffnenden Humor (Disarming Humor: deeskalierend, gesichtswahrend) von Verspottung (Ridiculing: konfrontativ, gesichtsbedrohend) — mit deutlich unterschiedlichen Wirkungsprofilen und Risiken (Heppner et al., 2025). Für die Praxis unterscheide ich in Workshops zusätzlich vier Spielarten: Ironie und Satire, visuellen Humor, absurdes Spiegeln sowie Wortspiele.

Counter-Speech-Forschung behandelte »Humor« lange als Sammelkategorie; erst die jüngere Literatur differenziert. In meiner eigenen Taxonomie der Gegenrede-Praktiken bilden entwaffnender Humor und Verspottung deshalb getrennte Praktiken innerhalb derselben Familie subversiv-transformativer Verfahren. Die folgenden vier Typen sind meine didaktische Gliederung für die Praxis — keine etablierte Forschungstaxonomie, aber an genau diese Unterscheidungen anschließbar.

Ironie und Satire

Klassische Ironie sagt das Gegenteil dessen, was sie meint, und vertraut darauf, dass das Publikum den Wechsel mitvollzieht. Satire treibt es weiter — sie übertreibt, bis das Absurde der Hetze sichtbar wird. Das Neo Magazin Royale mit Jan Böhmermann oder die Heute-Show arbeiten überwiegend so: Ein politisches Statement wird so überaffirmiert vorgetragen, dass die Pointe in der Übertreibung selbst liegt — ein Alltagsbeispiel zur Illustration, kein Forschungsgegenstand.

Wirkungsprofil: Stark, wenn die ironische Markierung erkennbar bleibt. Schwach, sobald die Ironie als Zustimmung gelesen werden kann. Online passiert genau das öfter, als wir denken: Ohne Stimme und Mimik scheitert schriftliche Ironie häufig am Inferenz-Verstehen — aus der Newsroom-Praxis wird ironische Moderation als »häufig kontraproduktiv« beschrieben (Kramp & Weichert, 2020, S. 550–551).

Karikatur und visueller Humor

Karikatur reduziert ein Phänomen auf ein erkennbares, übertriebenes Bild. Im Counter-Speech-Kontext arbeitet sie meist als Meme: AfD-Hashtag wird gekapert, Tier-Meme antwortet auf Hetz-Tweet, Photoshop verwandelt Propaganda in Komik (eben jene Gummienten). Die niederländische YouthCAN-Kampagne (Saltman & Zamir, 2024, S. 193) drehte 2016 ein Video, in dem sich ein junger Mann nach dem Verzehr von Halal-Hühnchen »in einen Muslim verwandelt« — die islamfeindliche Behauptung wurde durch Buchstäblich-Nehmung entlarvt.

Wirkungsprofil: Hohe Reichweite, niedrige Interpretationskosten. Aber: Saltman und Zamir betonen, dass Kürze entscheidend ist. Die erste, vier Minuten lange Version ihres Videos verfehlte ihr Publikum, die zweite, kürzere Version mit früher Pointe erreichte mit 225 USD Werbebudget 38.000 Views in zwei Wochen.

Absurdes Spiegeln und parodierende Übertreibung

Hier schlägt Counter-Speech den Hass mit seinen eigenen Mitteln, ohne ihn inhaltlich zu verstärken. Die Volksbewegung gegen Terrorismus und Socken in Finnland imitiert rechtsextreme Sprache parodistisch — GROSSBUCHSTABEN, absichtliche Tippfehler, hyperbolische Empörung — und macht so das Sprechmuster selbst zur Pointe (Ylönen, 2024).

In Deutschland arbeitet HoGeSatzbau anders: nicht parodistisch-spiegelnd, sondern erzieherisch-satirisch. Die anonyme Initiative korrigiert seit Jahren die Rechtschreibung in rechtsextremen Posts — Selbstbeschreibung: »Korrektur der Rechts-Schreibung« — mit sarkastischer Fehlerkorrektur, ironischen Appellen und gelegentlichen Genrewechseln bis hin zur Märchenform (Ylönen, 2024).

Ein deutsches Lehrbuchbeispiel für die spiegelnde Umdeutung dokumentiert Ebermann (2021, S. 112): Als die AfD Heidelberg das Hashtag #DieWelle gegen die Gegenrede-Community Reconquista Internet richtete, polten deren Unterstützer:innen es semantisch um — zur »Welle der Liebe«, flankiert von Hashtags wie #flauschig. Genau diese Umdeutung zeigt übrigens das Titelbild dieses Beitrags.

Wirkungsprofil: Hohe Anziehungskraft — HoGeSatzbau kommt auf über 180.000 Follower (Ylönen, 2023). Aber: Ylönen (2024) deutet diese Reichweite vor allem als Ventil- und Gemeinschaftsfunktion für die eigene Seite, nicht als Beleg für Überzeugungswirkung. Riskant wird es, wenn die Spiegelung zu nah am Original bleibt und unbeteiligte Mitleser:innen den Counter-Charakter nicht erkennen.

Wortspiele, Witze, Unsinn

Die niedrigschwelligste Form: »Are you kitten me?« als Antwort auf einen Hass-Post, kombiniert mit einem Katzenbild. De Smedt und Kollegen (2020) beschreiben für ein EU-Aktivistenprojekt einen Inkongruenz-Generator, der automatisiert Antworten produzierte wie »This post is as exciting as a hot air balloon at an aerobatics show«.

Wirkungsprofil: Niedrige Eskalationsgefahr, niedrige Eingriffstiefe. Funktioniert als Türöffner, ersetzt aber keine inhaltliche Auseinandersetzung. Auf Plattformen mit hoher Geschwindigkeit (TikTok, X) dürften solche Kurzformen weiter tragen als ausgearbeitete Argumentationsketten — Saltman und Zamir (2024, S. 193) formulieren als Faustregel: Je kürzer und direkter die Gegenrede, desto höher die Chance, dass das Publikum sie überhaupt aufnimmt.

Zur Übersicht:

Humor-TypBeispielWas die Forschung zeigtHauptrisiko
Ironie und SatireÜberaffirmation à la Satire-Showwirkt nur bei erkennbarer ironischer Markierungschriftliche Ironie wird als Zustimmung gelesen (Kramp & Weichert, 2020)
Karikatur, visueller HumorGummienten-Meme, YouthCAN-VideoReichweite; Kürze entscheidet (Saltman & Zamir, 2024)Pointe kommt zu spät, Publikum springt ab
Absurdes SpiegelnTSVK-Parodien, »Welle der Liebe«bindet die eigene Community, Ventilfunktion (Ylönen, 2024)Spiegelung wird nicht als Gegenrede erkannt
Wortspiele, Unsinn»Are you kitten me?«niedrige Eskalationsgefahr, Türöffner (De Smedt et al., 2020)ersetzt keine inhaltliche Auseinandersetzung

Wirken Fakten doch? Was Costello et al. (2024) zeigen — und was nicht

Ja — unter passenden Bedingungen. Costello, Pennycook und Rand (2024) zeigen, dass personalisierte, dialogische Faktenarbeit Verschwörungsüberzeugungen deutlich und dauerhaft reduzieren kann. Getestet wurde allerdings Verschwörungsglaube, nicht Hassrede: Ob sich der Effekt auf Counter-Speech gegen Hass übertragen lässt, ist eine offene Forschungsfrage.

Wer Counter-Speech-Workshops besucht, hat dieses Skript vermutlich schon gehört: »Humor wirkt, Empathie wirkt, Fakten wirken nicht.« Ganz so einfach war es nie — in meiner eigenen Systematik gehört der faktenbasierte Widerspruch von Anfang an zu den Grundformen der Gegenrede, neben solidarischer Unterstützung und humorvollem Entlarven. Aber die Skepsis gegenüber dem nackten Faktenkommentar hat einen echten Kern. Er geht auf Benesch et al. (2016, S. 7) zurück:

Especially when original speakers are entrenched in their views, they tend to find a way to fit the new facts presented to the conclusion to which they are already committed.

Das Phänomen heißt motivated reasoning: Wer eine Meinung bereits fest vertritt, interpretiert neue Fakten so, dass die alte Überzeugung bestehen bleibt. Daraus wurde im Lehrbuch schnell: Humor und Empathie ja, Fakten lieber nicht — zumindest nicht im klassischen Schema »Hier sind die richtigen Zahlen, du irrst«.

Costello, Pennycook und Rand (2024) haben dieses Bild gründlich differenziert. Ihre Studie, in Science erschienen, ist präregistriert und liefert Effektstärken, die in der Debunking-Forschung ihresgleichen suchen.

Was Costello, Pennycook und Rand genau gemacht haben

In zwei präregistrierten Studien (plus einer Replikation) mit rund 2.200 analysierten Teilnehmenden, die sich selbst als Verschwörungsgläubige identifizierten:

  1. Die Teilnehmer:innen beschrieben ihre Überzeugung — etwa zu 9/11, zum JFK-Attentat, zu COVID-19 oder zum »Illuminati-Mythos« — in eigenen Worten.
  2. GPT-4 Turbo antwortete in drei Dialogrunden personalisiert auf genau diese Belege.
  3. Der Glauben wurde vorher und nachher gemessen — in Studie 1 zusätzlich nach 10 Tagen und nach zwei Monaten.

Die Effektstärken

In Studie 1: 21,4 % Reduktion des Verschwörungsglaubens, d = 1,15. In Studie 2: 19,4 % Reduktion, d = 0,79. Persistenz über zwei Monate ohne nennenswerten Verfall.

Zum Einordnen: Eine Meta-Analyse über 273 klassische Fact-Checking-/Debunking-Effekte kommt auf einen Durchschnittseffekt von g = 0,16 (Stasielowicz, 2024, zitiert nach Costello et al., 2024). Costellos personalisiertes Fact-Checking ist also rund achtmal stärker als der Durchschnittseffekt klassischer Faktenkorrektur.

Wichtig für die Einordnung: Getestet wurde der Glaube an Verschwörungstheorien — nicht Hassrede. Ob sich der Effekt auf Counter-Speech gegen Hass übertragen lässt, muss die Forschung erst zeigen. Was die Studie belegt, ist: Fact-Checking kann unter passenden Bedingungen wirken — personalisiert, im Dialog, mit Tiefe statt mit dem schnellen Faktenblatt.

Praktisch bedeutet das: Der erste Counter-Reflex sollte nicht zwischen Humor und Fakten wählen, sondern beide kombinieren. Eine humorvolle Volte fängt die Aufmerksamkeit; ein verlinktes, gut aufbereitetes Faktenangebot liefert die Substanz für das Mitlese-Publikum.

Was wirkt, was backfired? Acht empirische Befunde

Der rote Faden durch die Empirie: Humor als Gegenrede wirkt kontextabhängig — er erreicht das Publikum eher als die Täter:innen, bindet die eigene Community und deeskaliert in moderierten Räumen. Sarkasmus gegen Personen, unklare Ironie und Alleingänge sind dagegen die dokumentierten Wege, auf denen humorvolle Counter-Speech scheitert.

1. Humor kann beim mitlesenden Publikum stark ankommen — aber community-spezifisch. Mathew et al. (2019) zeigen für die LGBT-Community auf YouTube: Humorvolle Counter-Kommentare erhalten dort die höchsten durchschnittlichen Likes aller Counter-Speech-Typen, dazu 65,35 % zustimmende Replies. Das ist Zustimmung des Publikums — keine gemessene Verhaltensänderung bei den Hetzer:innen; in anderen Communities fällt der Befund schwächer aus.

2. Auf überzeugte Hetzer:innen direkt wirkt Humor kaum messbar. Im randomisierten Twitter-Experiment von Hangartner et al. (2021) bestand die Humor-Bedingung aus Tier-Memes mit Captions wie »PLEASE, SIR. STOP TWEETING.« — der F-Test über alle Outcomes verwarf die Null-Hypothese nicht (P = 0,285).

3. Sarkasmus spaltet Produzent:innen und Publikum. Smedt, Voué und Jaki (2021) fanden im DTCT-Projekt: Rund ein Drittel der Gegennarrative enthielt Sarkasmus — bei den Counter-Aktiven beliebt, beim stillen Publikum aber wenig wirksam. Versöhnliche Memes erreichten 8 % Engagement, verspottende 5 %, vorwurfsvolle 4 %; stille Mitlesende empfinden Sarkasmus »häufiger als negativ denn als witzig«.

4. Selbst-Ironie funktioniert besser als Verspottung. Ebner (o. J., S. 179) berichtet aus der Praxis des Institute for Strategic Dialogue: Sarkasmus, der die Zielgruppe abwertet, macht Kampagnen kontraproduktiv. Selbst-Ironie kann hingegen ein »formidable icebreaker« sein.

5. Humor scheitert ohne soziale Autorität. De Salvador Agra (2025) greift dafür den Begriff der »comedic hermeneutical injustice« (nach Butterfield, 2022) auf: Humor-Counter-Speech kann scheitern, wenn die Sprecher:in als nicht autorisiert für den Witz gilt.

6. Kollektive humorvolle Initiativen ziehen überdurchschnittlich viele Follower:innen an. Ylönen (2023) zeigt das im Vergleich von HoGeSatzbau (Deutschland) und der finnischen Volksbewegung gegen Terrorismus und Socken — deutet die Anziehungskraft aber als Ventil- und Gemeinschaftsfunktion, nicht als Beleg für Überzeugungswirkung.

7. Humor in Moderationskontexten reduziert Inzivilität messbar. Ziegele et al. (2018) finden in deutschen Facebook-Kommentarbereichen, dass gesellige Moderation — Humor, Smalltalk, informelle Freundlichkeit — die Inzivilität in Folgekommentaren signifikant reduziert (B = −0,39; p < 0,01). Sie war der einzige Moderationsstil mit diesem Effekt.

8. Der aktuelle Expert:innen-Konsens stuft Humor als nachrangig ein. Die bidt-Konsensstudie (Obermaier et al., 2026, S. 16) zählt Humor zu den sanktionsbasierten Gegenrede-Formen und bewertet ihn als weniger wirksam als empathie-, argument- und normbasierte Counter-Speech — seine Wirkung liegt vor allem beim Publikum, nicht beim Hass-Sprecher.

Wie setze ich Humor als Gegenrede praktisch ein? Fünf Tipps

Kurz gesagt: Schreiben Sie für das Publikum, nicht für die Hetzer:in. Halten Sie die Pointe kurz. Ironisieren Sie eher sich selbst als andere. Kombinieren Sie Humor mit Faktenarbeit dort, wo Zeit für Dialog ist. Und antworten Sie nie allein und nie wütend.

Tipp 1: Schreiben Sie für das Mitlese-Publikum, nicht für den Hetzer

Die Hetzer:in wird nicht überzeugt — der experimentelle Null-Befund von Hangartner et al. (2021) spricht da eine klare Sprache. Aber jeder Counter-Witz ist auch eine Botschaft an die Stillen, die zuschauen.

Tipp 2: Kürze schlägt Eleganz

Lieber ein einzeiliges Wortspiel mit Bild als ein vierteiliger Thread mit der besseren Pointe ganz am Ende. Je kürzer und direkter die Gegenrede, desto eher bleibt das Publikum dran (Saltman & Zamir, 2024).

Tipp 3: Selbst-Ironie öffnet Türen

Bevor Sie über die andere Seite witzeln, witzeln Sie über sich selbst — Selbst-Ironie wirkt als Eisbrecher, Sarkasmus gegen die Zielgruppe als Türschließer (Ebner, o. J.).

Tipp 4: Humor in Online-Threads, Faktenarbeit im Gespräch

Im Kommentarbereich ist Humor oft das Mittel der Wahl. Wo Zeit für echten Dialog ist — etwa in Workshops für Multiplikator:innen oder im längeren Gespräch — deutet die Costello-Studie darauf hin, dass personalisierte Faktenarbeit deutlich mehr erreichen kann als das schnelle Faktenblatt.

Tipp 5: Niemals allein, niemals wütend

Die Befunde zur kollektiven Counter-Speech (Garland et al., 2022; Buerger, 2021) deuten in dieselbe Richtung: Nach der Gründung von Reconquista Internet im Frühjahr 2018 sank der Hass-Anteil in den untersuchten Twitter-Threads, und Gegenrede zog weitere Gegenrede nach sich. Kausal beweisen lässt sich das nicht — die Autor:innen erheben selbst keinen Kausalanspruch. Aber koordinierte, nicht-aggressive Antworten sind die am besten dokumentierte Bedingung, unter der sich Diskursnormen messbar verschieben.

Häufige Fragen zu Humor als Counter-Speech

Ist Humor die wirksamste Form von Gegenrede?

Nein. Humor ist eine von mehreren empfohlenen Strategien, wirkt aber kontextabhängig — je nach Community, Plattform und Autorität der Sprecher:in. Der Expert:innen-Konsens der bidt-Studie (Obermaier et al., 2026) stuft humorbasierte Gegenrede als weniger wirksam ein als empathie-, argument- und normbasierte Formen. Entscheidend ist außerdem die Spielart: Entwaffnender Humor deeskaliert, Verspottung kann eskalieren (Heppner et al., 2025). Als Faustregel gilt: Humor erreicht das mitlesende Publikum, selten die Hetzer:innen selbst.

Wirkt Sarkasmus gegen Hass im Netz?

Meist nicht. Stille Mitlesende empfinden Sarkasmus häufiger als negativ denn als witzig (Smedt, Voué & Jaki, 2021), und Sarkasmus, der die Zielgruppe abwertet, macht Kampagnen nach den Praxisbefunden des Institute for Strategic Dialogue kontraproduktiv (Ebner, o. J.). Schriftliche Ironie scheitert online zudem oft am fehlenden Tonfall (Kramp & Weichert, 2020). Besser belegt ist Selbst-Ironie: Sie kann als Eisbrecher wirken, ohne jemanden herabzusetzen.

Überzeugen Fakten Hassredner:innen?

Klassische Faktenkorrektur scheitert oft am motivated reasoning: Wer eine Meinung fest vertritt, deutet neue Fakten passend um (Benesch et al., 2016). Costello et al. (2024) zeigen aber, dass personalisiertes Fact-Checking im Dialog Verschwörungsüberzeugungen deutlich und dauerhaft reduzieren kann. Vorsicht bei der Übertragung: Getestet wurde Verschwörungsglaube, nicht Hassrede. Für die Praxis heißt das: Fakten nicht abschreiben — aber personalisiert, dialogisch und mit Zeit einsetzen statt als schnelles Faktenblatt.

Soll ich auf Hasskommentare mit Memes antworten?

Ja, wenn drei Bedingungen stimmen: Sie schreiben für das Publikum, nicht für die Hetzer:in; die Pointe ist kurz und früh erkennbar; und Sie sind nicht allein unterwegs. Tier-Memes allein änderten im Experiment von Hangartner et al. (2021) das Verhalten der Hass-Sprecher nicht messbar — koordinierte Gegenrede in der Gruppe ist dagegen die am besten dokumentierte Bedingung dafür, dass sich Diskursnormen verschieben (Buerger, 2021; Garland et al., 2022).

Wenn Sie tiefer einsteigen wollen

Counter-Speech-Strategien sind ein laufendes Forschungsfeld, und Humor ist nur eine von vielen — siehe etwa unseren Beitrag zur Schweigespirale und kollektiven Gegenrede oder die Analyse zu Dog Whistles und kodierter Hassrede.

Für die praktische Anwendung im Training haben wir ein eigenes KI-Tool entwickelt: ParoKI ist ein Übungs-Sparring für Counter-Speech. Und falls Sie nur einen Satz mitnehmen: Gegenrede hat mehr als eine Klinge — faktenbasierter Widerspruch, solidarische Unterstützung und humorvolles Entlarven gehören zusammen. Der Witz ist das Werkzeug, nicht das Ziel.

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Literatur

Benesch, S., Ruths, D., Dillon, K. P., Saleem, H. M., & Wright, L. (2016). Considerations for successful counterspeech. Dangerous Speech Project.

Buerger, C. (2021). #iamhere: Collective counterspeech and the quest to improve online discourse. https://doi.org/10.1177/20563051211063843

Costello, T. H., Pennycook, G., & Rand, D. G. (2024). Durably reducing conspiracy beliefs through dialogues with AI. Science, 385(6714), eadq1814. https://doi.org/10.1126/science.adq1814

De Salvador Agra, S. (2025). Counterspeech humor for discursive justice. https://doi.org/10.18680/hss.2025.0006

De Smedt, T., Lemmens, J., & Cooke, N. (2020). Creative counternarratives against hate speech.

Ebermann, D. (2021). Exploring protest on German Twitter accounts: From hate to counter speech.

Ebner, J. (o. J.). Counter-creativity: Innovative ways to counter far-right communication tactics. https://doi.org/10.14361/9783839446706-012

Garland, J., Ghazi-Zahedi, K., Young, J.-G., Hébert-Dufresne, L., & Galesic, M. (2022). Impact and dynamics of hate and counter speech online. EPJ Data Science, 11(1).

Hangartner, D., et al. (2021). Empathy-based counterspeech can reduce racist hate speech in a social media field experiment. PNAS, 118(50).

Heppner, H., Schiffhauer, B., & Seelmeyer, U. (2025). Counterspeech techniques against hate speech as a form of incivility in social media: A comprehensive taxonomy based on a systematic literature review (Preprint).

Kramp, L., & Weichert, S. (2020). Hass im Netz: Strategien im Umgang mit Nutzerkommentaren. https://doi.org/10.1515/9783839450253-028

Mathew, B., et al. (2019). Thou shalt not hate: Countering online hate speech. ICWSM, 13, 369–380.

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